WOLFGANG SCHILD

RECHTSANWALT

Ermittlungsakten über die Ermordung des Gustav Landauer gefunden

Gustav Landauer, geb. am 7.4.1870 in Karlsruhe, im Herbst 1918 von dem ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, Kurt Eisner, nach Bayern geholt, um bei der "Umgestaltung der Gesellschaft mitzuwirken", wurde am 1.5.1919 von rechtsradikalen Freikorps-Soldaten in das das Zuchthaus Stadelheim verschleppt und dort bestialisch ermordet.

Quelle / unbedingt lesenswert: Prantls Blick - die politische Wochenschau, Süddeutsche Zeitung, vom 28.4.2019

Die drei Ermittlungsakten über diesen Mord wurden vor kurzem gefunden und vom Generallandesarchiv Karlsruhe vollständig ins Internet gestellt. Die Ermittlungsakten finden Sie hier.

Aus Prantls Newsletter:

"Für Landauer war der Begriff Sozialismus gleichbedeutend mit dem der Anarchie, wobei für ihn der Sozialismus eine freiheitliche, nicht autoritäre Angelegenheit sein sollte. Landauer wollte "nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten", er wollte "die Abschaffung des Kriegs durch die Selbstbestimmung der Völker". Er war seiner Zeit voraus. Ministerpräsident Kurt Eisner wurde am 21. Februar 1919 erschossen, ein paar Wochen vor Landauer - sein Attentäter war Graf Arco-Valley, ein Nazi. Bis dahin war die Münchner Revolution eine ganz friedliche gewesen ohne jedes Blutvergießen; dann begann die Zeit der Straßenschlachten und der politischen Morde, die Zeit eines Terrors, wie ihn so furchtbar keine andere deutsche Stadt erlebte, auch nicht Berlin. ..

Zu Tode getreten

.. Eines der Opfer dieses furchtbaren Mordens war Gustav Landauer. Am 1. Mai 1919 wurde er ins Zuchthaus Stadelheim verschleppt, am nächsten Tag halbtot geprügelt und dann erschossen. Ein Augenzeugenbericht vom 2. Mai 1919: Im Gefängnishof war ein Major in Zivil, "der mit einer schlegelartigen Keule auf Landauer einschlug. Unter Kolbenschlägen und den Schlägen des Majors sank Landauer zusammen. Er stand jedoch wieder auf und wollte zu reden anfangen. Da rief ein Vizewachtmeister: 'Geht mal weg!' Unter Lachen und freudiger Zustimmung der Begleitmannschaften gab der Vizewachtmeister zwei Schüsse ab, von denen einer Landauer in den Kopf traf. Landauer atmete aber immer noch. Da sagte der Vizewachtmeister: 'Geht zurück, dann lassen wir ihm noch eine durch!' Dann schoss der Vizewachtmeister Landauer in den Rücken, dass es ihm das Herz herausriss und er vom Boden wegschnellte. Da Landauer immer noch zuckte, trat ihn der Vizewachtmeister zu Tode..."

Aus dem seinerzeitigen Urteil:

..."So empörend die Misshandlung eines wehrlosen alten Mannes als Gefangenen ist, war doch zu Gunsten des Angeklagten strafmildernd zu berücksichtigen, dass der Angeklagte den Schriftsteller Landauer für den Urheber der Räterepublik und einen gewissenlosen Hetzer hielt." ...

Landauers Träume

Womöglich würde ein Gustav Landauer heute von einem guten, von einem besseren Europa träumen - von einem Europa, das Heimat ist nicht nur für die Wirtschaft, sondern für die Menschen, die hier leben; womöglich würde er träumen von einem Europa, das sich verabschiedet von seinem destruktiven Hang zur marktkonformen Demokratie, wie sie in den europäischen Verträgen verankert ist. Zwei Wörter aus dem Grundgesetz könnten der Hebel und die Devise sein, um einen neuen, guten Kurs für Europa einzuschlagen: "Eigentum verpflichtet". Diese zwei Wörter, diese Erkenntnis, diese Pflicht, die die deutsche Verfassung formuliert, wären ein schönes Geschenk, das das Grundgesetz an seinem 70. Geburtstag an Europa machen könnte. Ein Wahlkampf für ein solches Europa, das sich seiner sozialen Verantwortung bewusst ist, würde mir gefallen."

 

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