WOLFGANG SCHILD

RECHTSANWALT

LESEEMPFEHLUNG (in Zeiten wie diesen): Victor Klemperer´s TAGEBÜCHER sowie LTI

1) Tagebücher:

Victor Klemperer, ursprünglich jüdischen Glaubens, zum protestantischen Glauben konvertiert, Philologe, von 1920 - 1935 Professor für Romanistik an der Technischen Universität Dresden  (mehr zum Autor hier) erlebt die Zeit der Arbeiter- und Soldatenräte nach dem 1. Weltkrieg, die Zeit der Weimarer Republik, das Metastasieren des Nazismus (Einträge 1925: „die Freiheit ist nicht mehr das Losungswort der Jugend, sondern die ‚Ordnung’";  „Faschismus überall“), überlebt das Dritte Reich, führt derweil genauestens Tagebücher (wer Anhaltspunkte für Anfänge sucht, denen zu wehren ist, wird hier fündig):

Tagebücher 1918 - 1924

Tagebücher 1925 - 1932

Tagebücher 1933 - 1945

und befasst sich intensiv mit jenem Medium,  mit dem der Nazismus metastasiert(e) - mit seiner Sprache, der LTI (Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reichs):    

 

2) LTI (Lingua Tertii Imperii - Sprache des Dritten Reiches)

Klemperer zeigt hier sehr detailliert, sehr anschaulich, wie sich das Medium Sprache unter dem Einfluss des Nazismus verändert und toxisch auf Denken, Fühlen und Handeln einwirkt.   

Seine Prognose:

"... eines Tages wird das Wort Entnazifizierung versunken sein, weil der Zustand, den es beenden soll, nicht mehr vorhanden ist. Aber eine ganze Weile wird es bis dahin noch dauern, denn zu verschwinden hat ja nicht nur das nazistische Tun, sondern auch die nazistische Gesinnung, die nazistische Denkgewöhnung und ihr Nährboden: die Sprache des Nazismus. ..." (Aus: LTI, "Statt eines Vorworts"; 1946)

ist weiterhin aktuell: es wird noch eine ganze Weile dauern. Der Nazismus ist bis heute nicht überwunden, sondern mit unverminderter Virulenz existent und in Zeiten wie diesen, offenbar Zeiten verminderter Resistenz, wieder verstärkt wirksam. Die Symptome dieses Wirkens, besonders deutlich etwa der wieder aufkeimende Antisemitismus, ein erstarkender Nationalismus und mit ihm einhergehend ein wieder zunehmender Fremdenhass, das teils latent spürbare, immer öfter aber durchaus offen zutage tretende Unvermögen, Menschen als Menschen wahrzunehmen, Mitleid zu empfinden, lassen sich kaum übersehen.

Gibt es einen Impfstoff gegen den morbus nazismus? Ich weiß es nicht. Soviel aber zumindest: Opportunistisch um die Stimmen infizierter Bevölkerungsteile zu buhlen, statt nachdrücklich die im Grundgesetz formulierten Grundwerte zu verteidigen, ist sicher kein Weg. Vielleicht kommt noch am ehesten Wissen und ein Begreifen und Empfinden, was Humanität bedeutet, in Betracht. Aber: Wer wirbt für den Erwerb von Wissen? Wer hilft beim Begreifen, was Humanität bedeutet? Das Grundgesetz hat 1949 mit Art. 1 GG - Die Würde des Menschen ist unantastbar - einen großartigen Anfang gemacht. Was aber ist daraus geworden? Ich will hier in der eigenen Zunft bleiben, vor der eigene Türe kehren: "... Die Juristen konnten das lebenswarme Gebot des Grundgesetzes, alle Menschen menschenwürdig zu behandeln, im Sinne des Satzes interpretieren: 'Was Du nicht willst, daß man Dir tu', das füg auch keinem anderen zu.' Statt dessen flüchtete man sich in einen scholastischen Begriffshimmel, erhob den unbeweisbaren Anspruch auf absolute Gültigkeit rigoroser Sollensvorschriften, denen (...) nicht allzu selten gar nicht nachgelebt werden kann und deren trauriges Produkt hienieden recht häufig eine unleidliche Heuchelei ist. ..." (Fritz Bauer, 1962). Ich fürchte, hieran hat sich bis heute nicht viel verändert.

 

 

 

 

 

 

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